"Geschichte ... Was regst du dich eigentlich darüber auf? Du liest doch solche Bücher!" Vielleicht sollte man aber doch ab und zu ein Buch lesen oder Interesse an aktuellen und vergangenen Geschehnissen entwickeln! Wozu? Macht euch selbst ein Bild...
Freitag, 6. August 2010
Montag, 26. Juli 2010
Geheimes Dossier
Was israelische Agenten einst nach Argentinien trieb, war nicht nur die Suche nach dem NS-Verbrecher, sondern auch die verdeckte Kooperation zum Bau der Atombombe
Artikel im "der Freitag" von Gaby Weber (20.06.2010)
Wie bin ich an das Thema gekommen? Seit Mitte der achtziger Jahre lebe ich in Südamerika, einem Kontinent, der gerade die Militärdiktaturen überwunden hatte. Ich stieß darauf, dass bei Mercedes-Benz Argentina (MBA) zwischen 1976 und 1983 14 Betriebsräte ermordet worden waren. Die MBA-Manager hatten zudem bei der Ausstattung der Folterkammern geholfen. Grund genug, mich um die Anfänge dieses Unternehmens zu kümmern. MBA war 1951, während der Regierung von General Perón gegründet worden. Perón hatte Tausenden Nazis Unterschlupf gewährt, von denen viele für deutsche Unternehmen arbeiteten, die so ihr während des III. Reiches verstecktes Geld wuschen.
Über seine argentinische Niederlassung pumpte Daimler-Benz mittels fingierter Exportrechnungen Kapital in den Kreislauf der deutschen Nachkriegswirtschaft. Minister Ludwig Erhard reiste persönlich zur Einweihung der Mercedes-Fabrik an. Deutsche gründeten zudem in Córdoba ein Flugzeugwerk, in Bariloche ein Atomzentrum und erprobten neue Raketen und Sprengstoffe. Sie machten dort weiter, wo sie 1945 aufgehört hatten – fernab des alliierten Verbots, auf deutschem Boden ABC-Waffen zu entwickeln. Der Militärputsch gegen Perón (1955) beendete die Geldwäsche, Mercedes-Benz wurde beschlagnahmt. Doch nach zwei Gerichtsurteilen eröffnete das Unternehmen drei Jahre später wieder seine Pforten. Das beschlagnahmte Firmenarchiv – darunter die komplette schwarze Buchführung – fand ich in einem feuchten Kellerverlies.
Unerhört!
MBA hatte Adolf Eichmann 1959 unter dem Namen Ricardo Klement angestellt. Man kannte seine Vergangenheit, seine Kinder gingen unter dem Namen Eichmann auf die Deutsche Schule. Warum auch sich verstecken? Argentinien lieferte die „Politischen“ nicht aus, Interpol verweigerte die Mithilfe und vor allem: Damals verjährte Mord nach 20 Jahren. Die Nazis sahen sich als Regierung im Wartestand, die spätestens 1965 ihr Exil verlassen und zurückkehren wollten.
Die Organisation Gehlen und der aus ihr hervorgegangene Bundesnachrichtendienst (BND) hielten enge Kontakte zu den Abgetauchten. Schließlich waren in den Pullacher Amtsstuben ebenfalls frühere Abwehrleute und SS-Mitglieder „versorgt“ worden. Bei meinen Recherchen darüber halfen mir im US-Bundesarchiv Washington (NARA) die Interagency Working Group on Nazi Crimes und Historiker, die dank ihres Security Certificate Zugang zu sensiblen Dokumentensammlungen durchgesetzt hatten – für ihre deutschen Kollegen undenkbar. Als ich hingegen auf Einladung der Berliner Gesellschaft für Faschismus und Weltkriegsforschung meine Eichmann-Forschungen darlegte und um Hilfe bei der Öffnung deutscher Archive bat, erntete ich Unverständnis. War zu Eichmann nicht alles gesagt? Und nun kommt eine Journalistin aus Argentinien, von der die offizielle Geschichtsschreibung als Desinformation brandmarkt wird?Unerhört!
Bei NARA hatte ich 2006 einen CIA-Vermerk gefunden, wonach der BND im März 1958 dem US-Geheimdienst Eichmanns Aufenthaltsort und Decknamen mitteilte. Gegen den Kriegsverbrecher bestand Haftbefehl der Frankfurter Staatsanwaltschaft. Der aber wurde vom BND vorenthalten, wo sich der geflüchtete Massenmörder aufhielt.
Eichmanns hatte als Kader des Sicherheitsdienstes (SD) im Januar 1942 bei der Wannsee-Konferenz Protokoll geführt und danach für den Abtransport der Juden in die Vernichtungslager gesorgt. Wenig weiß man über seine Umtriebe in Südamerika. Und noch weniger bekannt ist jene heikle Kooperation Israels, Argentiniens und des jungen Bonner Staates bei der Nuklearforschung. Es verband sie ein gemeinsames Interesse: Tel Aviv wollte die Atombombe – und Adenauer hatte ebenfalls Interesse an einer atomaren Option. 1960 stellte sein Kabinett dem israelischen Chaim-Weizmann-Institut drei Millionen Mark für die gemeinsame Nuklearforschung zur Verfügung. Und wo ein Haushaltsposten ist, muss es Unterlagen über den Mittelabfluss geben. Die wollte ich finden, suchte zunächst in Argentinien und wurde bei der Atomkommission fündig. Man bestätigte drei Uran-Lieferungen an Israel, im Staatsarchiv fand ich die Exportgenehmigungen: 1960, 1962 und 1963 weitere hundert Tonnen. Das reichte für mehrere Atombomben. Die US-Regierung wusste von diesen Lieferungen, teilte mir das Department of Energy mit. Meine Ausbeute im Koblenzer Bundesarchiv war dagegen eher bescheiden. Das Ganze war Chefsache, und die dort aufbewahrten Kanzleramts-Akten offenbarten nur Fragmente. Ich fragte 2007 erstmals im Bundeskanzleramt nach, wo man sich aufgeschlossen gab und mir versicherte, es würden keine Akten zu einem Nazi-Kriegsverbrecher zurückgehalten. Doch zu meinem Auskunftsbegehren – Eichmann in Argentinien und nukleare Zusammenarbeit – wollte man nichts gefunden haben. Lediglich eine Geheimakte tauchte auf, die – nach vielen Monaten – freigegeben wurde: Unterlagen des Krisenstabes, der nach der Verhaftung Eichmanns in Israel 1960 einberufen worden war. Adenauer fürchtete Kritik aus dem Ausland, da in seiner Regierung ehemalige Amtsträger des NS-Regimes saßen. Staatssekretär Globke – als Ko-Autor der Nürnberger Rassengesetze ein Kenner der Materie – leitete den Krisenstab.
Ewige Geheimhaltung
Blieb also Pullach übrig. Ich erwartete mit den üblichen Floskeln abgespeist zu werden. Denn im Gegensatz zu den USA, wo dank des Freedom of Information Act sensible Daten heraus geklagt werden können, klammert das deutsche Informationsfreiheitsgesetz die Geheimdienste aus. Um so größer war mein Erstaunen, als mir der BND mitteilte, er habe die von mir gewünschten Akten gefunden: 4.500 Blatt zu Eichmann in Argentinien und zu „nuklearer Zusammenarbeit der Bundesrepublik, Argentiniens und Israels”. Dieses Material sei aber für immer geheim. Man müsse die Persönlichkeitsrechte seiner Agenten schützen.
Ich reichte Klage ein. Laut Bundesarchivgesetz müssen die Behörden nach 30 Jahren ihre Akten an das Bundesarchiv überstellen. Der BND tut dies fast nie und behauptet, die Dokumente weiter bei sich zu benötigen. So verlängert er sich selbst die Fristen und gibt Papiere nicht nach Koblenz ab, wo sie Forschern auffallen könnten.
Der BND bat die dienstführende Behörde um eine Sperrerklärung. Hatte das Kanzleramt Monate zuvor vollmundig die Offenlegung der Eichmann-Akten versprochen, sah es nunmehr die Republik gefährdet. Das Material, das der BND inzwischen auf 3.400 Blatt herunter gerechnet hatte, stamme von einem Nachrichtendienst aus Nahost, sprich Mossad. Und der lege Wert auf ewige Geheimhaltung. Beweise dafür legte das Amt nicht vor. Im Anti-Terror-Kampf sei die Kooperation mit anderen Sicherheitsbehörden lebenswichtig.
Ende April 2010 urteilte nun der Geheimschutzsenat des Bundesverwaltungsgerichts, dass die Sperrerklärung „rechtswidrig” war. Ihm waren die ungeschwärzten 3.400 Blatt vorgelegt worden. Sie seien von „zeitgeschichtlichem Interesse“, so die Richter, „sie beziehen sich nicht auf Umstände, die bislang geheim gehalten worden seien, sondern auf die NS-Gewaltherrschaft, die systematische Verfolgung der europäischen Juden und die Rolle verschiedener Mitglieder des NS-Regimes, namentlich Adolf Eichmann, sowie mit diesen Personen im Zusammenhang stehenden Vorgänge der Nachkriegszeit“. Eine Hintertür ließen die Richter offen: Es könne eine neue Sperrerklärung geben, die nicht pauschal, sondern konkret die Gefahren der Freigabe benennen müsse. Wird Angela Merkel die Akten oder Teile weiter blockieren? Dann riskiert sie ein neues Urteil. Elan Steinberg¸ Sprecher der Holocaust-Überlebenden in den USA, hält es für „unzumutbar und schamlos, wenn über ein halbes Jahrhundert Akten über den Architekten der Endlösung geheimgehalten” werden.
Freitag, 23. Juli 2010
Donnerstag, 22. Juli 2010
Mittwoch, 9. Juni 2010
Otto Bickenbach (11.03.1901 - 26.11.1971)
- deutscher Internist und Professor an der Reichsuniversität Straßburg
- ab 1. Mai 1933: NSDAP und SA-Mitglied
- ab April 1934: stellv. Direktor der Medizinischen Klinik der Universität Freiburg ("im Stile eines Säuberungskommissars")
- 1938: Habilitation
- 1939: Utropin-Experimente bei Phosgenvergiftungen (vermeintliches Gegenmittel)
- 1939: NS-Dozentenbund
- ab 24. November 1941: außerordentlicher Professor an der Reichsuniversität Straßburg und Direktor der Medizinischen Poliklinik
- Juni 1943: KZ Natzweihler-Struthof; er wählt aus den Häftlingen die Versuchspersonen für seine Phosgen-Experimente aus
- Assistent war Helmut Rühl
- "Behandlung" (Gaskammer) von etwa 150 Personen in Serien von jeweils 30 Häftlingen; von jeder Gruppe starben sieben, acht Häftlinge; die Überlebenden wurden, soweit transportfähig, nach Auschwitz, Bergen-Belsen oder Lublin verbracht [1],[2]
- Juni - August 1944: erneute Versuchsreihe mit mehr als 50 Häftlingen, welche für medizinische Versuche aus Auschwitz nach Natzweiler-Struthof transportiert und im Laufe dieser Versuche ermordet wurden; als offizielle Todesursachen wurden Lungenentzündung sowie Herz- und Körperschwäche angegeben
Hierzu die Aussagen dreier Überlebender der Giftgas-Experimente:
Franz Hauer (damals 21 Jahre alt):
"Ich bekam in einem Emaillebecher eine Flüssigkeit zu trinken, die aussah wie klares Wasser, aber süßlich schmeckte." Der Professor habe ihnen vor dem Eintritt in die Gaskammer gesagt, sie sollten tief einatmen. Danach habe er mehrere Ampullen in den Raum geworfen und die Tür blitzschnell verschlossen. Nach dem Versuch seien sie ins Krematorium gebracht worden. Etwa 5 bis 6 Häftlinge seien gestorben: "Verschiedene Häftlinge spuckten aufgrund ihrer Lungenerkrankungen Blut in einen Eimer. Nach meiner Erinnerung starben sie meistens nachts." (Aussage vom 29. Mai 1981, ZSt 419 AR-Z 90/80)
Willy Herzberg (damals 23 Jahre alt):
"Sie hatten braunen Schaum vor dem Mund stehen, der auch aus den Ohren und den Nasenlöchern kam. Nachdem wir in die Gaskammer geführt worden waren, stand der Professor im Eingang und hatte zwei Glasampullen, die aussahen wie Dr. Oetkers Aromafläschchen. Der Professor ermunterte uns nochmals, uns forsch zu bewegen, fest einzuatmen. Dann schmiß er die beiden Fläschchen gegen die Wand und schmiß sofort die Türe zu." Die Tür sei kaum zu gewesen, da habe der Professor schon gefragt, ob die Ampullen zerbrochen seien: " Ca. 10 Minuten nach Versuchsbeginn hörte ich ein dumpfes Klatschen, so wie man beide Hände hohl aufeinander schlägt. Dieses Geräusch kam von den zerplatzenden Lungen der beiden Häftlinge, die danach umfielen und den von mir bereits beschriebenen Schaum vor Mund, Nase und Ohren hatten." (Aussage vom 01. Juli 1981, ZSt 419 AR-Z 90/80)Rudolf Guttenberger (damals 23 Jahre alt):
"Für den Transport nach Natzweiler wurden 100 kräftige Zigeuner ausgesucht. An die Zahl Hundert kann ich mich genau erinnern."
"Wir hatten lange Fieber, acht Tage. Danach wurden wir geimpft. Dann ging das Fieber. Daran starb ein Häftling."
Drei Tage nach einem erneuten Versuch stirbt sein Cousin Albert Eckstein: "Eckstein hat während dieser drei Tage schrecklich gelitten. Er hustete rosarotes Blut, je länger es dauerte, kamen Lungenfetzen aus dem Mund." (Aussagen vom 04. Juni 1981, ZSt 419 AR-Z 90/80)
- 17. März 1947: Verhaftung und französische Untersuchungshaft
- nach eigener Aussage Bickenbachs habe er nur "mit Rücksicht auf Himmlers Befehl" gehandelt, gebe aber zu, daß derlei Experimente "der ärztlichen Ethik zuwiderlaufen".[3]
- 24. Dezember 1952: Verurteilung zu lebenslanger Zwangsarbeit durch ein Militärgericht in Metz wegen "Verbrechens der Anwendung gesundheitsschädlicher Substanzen und Giftmord"
- Januar 1954: Aufhebung des Urteils durch ein Pariser Militägericht
- Mai 1954: erneute Verhandlung vor einem Militägericht in Lyon: 20 Jahre Zwangsarbeit
- 1955: Begnadigung im Rahmen einer Amnestie
- 1962: Bickenbach beantragt die Eröffnung eines berufsgerichtlichen Verfahrens um rehabilitiert zu werden; die Verhandlung dauert nur einen Tag
- der Richter vertritt die Ansicht, "Bickenbach habe sich entschieden geweigert, teilzunehmen, aber schließlich teilgenommen, um möglichst viele Häftlinge zu retten."
- Akten des Ahnenerbe (Bundesarchiv) sowie Protokolle der Hauptverhandlung im Nürnberger Ärzteprozeß wurden vom Gericht nicht verwertet
- in den Akten werden u.a. als Zeugen "der untadeligen Haltung Bickenbachs" Dr. Hans Stempel aus Speyer, Kirchenpräsident der pfälzischen Kirche, Vorstandsmitglied der Stillen Hilfe, einer Nazitäter-Hilfsorganisation sowie Dr. Helmut Rühl, Bickenbachs Assistent im KZ Natzweiler-Struthof, angeführt
- 10. Februar 1966: Rehabilitierung durch das Berufsgericht für Heilberufe in Köln
"Ihm ist weder ein strafrechtlich relevantes Verhalten noch ein Verstoß gegen die ärztlichen Berufspflichten vorzuwerfen. Er habe seine ärztlichen Berufspflichten getreu dem hippkratischen Eid nicht verletzt. Es wird festgestellt, daß der Antragsteller durch die Beteiligung an diesen Versuchen seine ärztlichen Berufspflichten nicht verletzt hat."[4]
- später Internist in Siegburg
Quellen:
1: Protokoll des Nürnberger Ärzteprozesses, S. 1093f.
2. Aussage Ferdinand Holl (Revierkapo im KZ Natzweiler-Struthof) im Nürnberger Ärzteprozeß
3. Aussage Otto Bickenbach im Nürnberger Ärzteprozeß, Dokument 3848 Seite 7
4: Urteil des Berufsgerichts für Heilberufe beim VG Köln vom 10. Februar 1966 (1T 15/62)
"Die Zeit" Ausgabe 49/1997 "Deutscher Menschenverbrauch"
"Der Spiegel" Ausgabe 46/1983 "Ungezügelte Bosheit"
Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma e.V.: Sinti und Roma im Konzentrationslager Natzweiler-Struthof
Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer
Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich
Donnerstag, 3. Juni 2010
Dr. Arnold Dohmen (02.08.1906 - 1980)
- deutscher Internist, Bakteriologe und Stabsarzt der Heeressanitätsinspektion
- war Mitglied der NSDAP und SA-Führer
- ab 1942: Studien zur Hepatitis epidemica für die Militärärztliche Akademie
- Frühjahr 1943: Bitte Dohmens an den Bevollmächtigten für das Gesundheitswesen Karl Brandt, die Erkenntnisse der Hepatitis-Tierversuche auf den Menschen übertragen zu dürfen
- Anfang Juni 1943: nochmalige Bitte an Reichsarzt SS Ernst-Robert Grawitz
- 16. Juni 1943: Heinrich Himmler genehmigt 8 zum Tode verurteilte Juden der polnischen Widerstandsbewegung
- 23. Juni 1943: 4-tägige Dienstreise Dohmens nach Auschwitz - Selektion der jüdischen Häftlinge an der berüchtigten Judenrampe für die geplanten Hepatitisversuche
- August 1943: die Versuchsobjekte werden von Auschwitz nach Sachsenhausen überstellt; es sind allerdings nicht 8, sondern 11 jüdische Kinder & Jugendliche im Alter von 9 - 19 Jahren - zum Tode verurteilte Widerstandskämpfer?
- September 1944: strenge Isolierung der jüdischen Kinder - Beginn der Versuche
- es werden z.B. Blutbilder und Harnanalysen erstellt
- den Opfern werden Bakterienkulturen in den Darmtrakt und in die Adern injiziert
- weiterhin werden von Dohmen extrem schmerzhafte und lebensgefährliche (ohne Narkose) Leberpunktionen vorgenommen
- Ziel dieser pseudomedizinischen Menschenversuche sollte die Erforschung und Entwicklung eines wirksamen Impfstoffes sein
- die Kinder konnten nur durch die Hilfe von Häftlingspflegern gerettet werden, da diese vorgaben, das die jüdischen Kinder für mögliche weitere Versuche benötigt werden könnten
- nach Kriegsende: Dohmen lässt sich im Landkreis Detmold als Facharzt für Innere Krankheiten nieder und stieg später bis zum Chefarzt der Uni-Klini Münster auf
- 27. Februar 1975: ein Ermittlungsverfahren gegen Dohmen wird eingestellt, da er zum einen behauptet, an der Selektion der Kinder in Auschwitz nicht beteiligt gewesen zu sein und zum anderen, die Versuche habe er nur zum Schein durchgeführt
- die zuständige Staatsanwalt hielt diese Version für nicht widerlegbar
- Ohne Gruß betrat er den Raum, sah die Kinder kaum an... Einmal bringt Dr. Dohmen in Papier verpackte Ampullen mit. Er führt zwei Kindern Duodenalsonden ein. Durch die dünnen Gummischläuche (zu Untersuchung von Magen- und Darmsaft) drückt Dohmen mit einigem Kraftaufwand eine gallertartige Masse in den Darmtrakt. Beim zweiten Versuch wird ein Teil der Masse auf den Boden geschüttet. Nicht Hineintreten! ruft er aufgeregt, streckt seine Hände abwehrend aus. Für mich beseitigte dieser Zwischenfall die letzten Zweifel darüber, daß Dr. Dohmen diesen völlig gesunden jüdischen Kindern Bakterienkulturen in den Darm praktizierte.
- Dr. Dohmen entnahm seiner Instrumententasche nun eine schräg angeschliffene Röhrensonde, trat hinter Saul Hornfeld, tastete mit den Fingern seinen Rücken ab, setzte dann die Sonde an und stach sie tief durch die Rückenmuskulatur in die Körperhöhle des Kindes. Saul Hornfeld biß vor Schmerz auf seine kleinen Fäuste. Ich trat schnell vor ihn und beschwor ihn mit gepreßter Stimme, tapfer zu bleiben. Tränenblind schaute er mich an, ohne mich zu sehen. Über seine blutleeren Wangen strömten die Tränen. Da stach der Arzt zum zweiten Male zu. Ich warf einen bangen, fragenden Blick zu Häftlingsarzt Dr. Oftedal. Leberpunktion, flüsterte der mir zu. Dann sah ich, wie Dr. Dohmen aus der Sondenröhre eine lange Nadel zog und schnell ein Reagenzglas unter die Sondenöffnung hielt. Schweres, dunkles Blut tropfte in das Glas. Auch einige Stückchen Gewebe - wohl aus der Leber gerissen - schwemmten mit hinein. Jetzt zog der Stabsarzt die Sonde wieder aus dem Rücken des Jungen, warf sie in eine Nierenschale und drückte schnell einen Tupfer auf die Wunde. Dann klebte er ein oder zwei breite Streifen Heftpflaster darüber. Dr. Oftedal und ich hoben Saul Hornfeld vom Verbandstisch und ich brachte ihn zurück zu seinen Leidensgefährten und ins Bett. Da lag dieser kleine Mensch auf dem Strohsack, das Gesicht zur Bretterwand gekehrt und weinte leise vor sich hin.
Rezensionsnotiz Frankfurter Rundschau, 11.01.2006
"Wirklicher als die Wirklichkeit" findet Dagmar Pöpping die Erinnerungen von Saul Oren-Hornfeld, der darin die Zeit seiner Inhaftierung im KZ Sachsenhausen beschreibt. Oren-Hornfeld wurde vom Hepatitisforscher Arnold Dohmen in Sachsenhausen zu Experimenten benutzt. Pöpping verspürt beim Autor, der die Shoa mit religiösen Bildern als "symbolisches Geschehen" deutet, das Bedürfnis, dass die an ihm vergangenen Verbechen endlich gesühnt werden. Er beabsichtige, dass die Leser seine "Ohnmacht" spüren gegenüber der ausbleibenden Verurteilung der NS-Tätergeneration - Arnold Dohmen ist nach dem Krieg von einem deutschen Gericht freigesprochen worden.
Das Schicksal der Kinder wurde in dem Dokumentarfilm "Jedesmal mußte ein Wunder sein – Die Kinder von Sachsenhausen" verarbeitet.
Das Schicksal der Kinder wurde in dem Dokumentarfilm "Jedesmal mußte ein Wunder sein – Die Kinder von Sachsenhausen" verarbeitet.
Quellen:
Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer.
Bruno Meyer: Der Krankenbau - Versuchs- und Mordstätte, in: Der Appell. Mitteilungsblatt für die ehemaligen Häftlinge und deren Angehörige der Konzentrationslager Sachsenhausen/Oranienburg. Nr.9/Februar 1987
Carola Sachse: Die Verbindung nach Auschwitz - Biowissenschaften und Menschenversuche an Kaiser-Wilhelm-Instituten
Saul Oren-Hornfeld: Wie brennend Feuer. Ein Opfer medizinischer Experimente im Konzentrationslager Sachsenhausen erzählt
"Berliner Zeitung" vom 2. Dezember 1996: "Arzt mißbrauchte Kinder für Versuche"
Bruno Meyer: Der Krankenbau - Versuchs- und Mordstätte, in: Der Appell. Mitteilungsblatt für die ehemaligen Häftlinge und deren Angehörige der Konzentrationslager Sachsenhausen/Oranienburg. Nr.9/Februar 1987
Carola Sachse: Die Verbindung nach Auschwitz - Biowissenschaften und Menschenversuche an Kaiser-Wilhelm-Instituten
Saul Oren-Hornfeld: Wie brennend Feuer. Ein Opfer medizinischer Experimente im Konzentrationslager Sachsenhausen erzählt
"Berliner Zeitung" vom 2. Dezember 1996: "Arzt mißbrauchte Kinder für Versuche"
Wie jeder erkennen MUSS, reichten Opfer- sowie Zeugenaussagen nicht aus, um einen gewissenlosen NS-Täter anzuklagen und zu verurteilen. Unser (armes) Märchenland!
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